„Pulverfass Kosovo“ – ein explosiver 360°-Dreh

Dynamit und sozialer Sprengstoff: Der Dreh im Nordkosovo war für IntoVR-Gründerin Susanne Dickel eine Herausforderung. Und das nicht nur, weil es hunderte Meter unter die Erde ging.

„Me fat“ – „Glück Auf!“ steht über dem grünen Tor. Es ist der Eingang zur Mine Trepça in Mitrovica, im nördlichen Teil des Kosovo. Ich schultere das Stativ und stapfe los, in viel zu großen Gummistiefeln, die ich von den Bergarbeitern bekommen habe. Mit einem Aufzug geht es mehrere hundert Meter tief hinab, dann lotst Ingenieur Fatus Begu meine kosovarische Kollegin Una Hajdari und mich durch die Stollen.

An der Mine Trepça lässt sich der Wandel der Region nachzeichnen. Denn der Kosovo ist gespalten, in einen albanischen und einen serbischen Teil. Auch wenn das Land inzwischen recht friedlich scheint – die Blaumhelm-Soldaten der UNO haben sich bereits weitgehend zurückgezogen -, die unterschiedlichen Ethnien sind immer noch zerstritten. Die Stollen, durch die wir laufen, gehören zum albanischen Teil des Kosovo. Doch die Fabriken, die das Material weiter verarbeiten könnten, stehen im serbischen Teil. Eine Zusammenarbeit? Gibt es nicht.

Eine Straße voller serbischer Fahnen im Norden Mitrovicas
Hier ist gerade kein Volksfest – die Fahnen hängen immer an den Laternen, um zu zeigen, dass dies der serbische Teil Mitrovicas ist. In den Geschäften zahlt man deshalb auch in Dinar und nicht in Euro.

Wischen, wischen, wischen

Untertage zu drehen ist eine Herausforderung. Manche Kameras kommen mit den veränderten Druckverhältnissen nicht zurecht. Dazu kommen der allgegenwärtige Staub und die Feuchtigkeit. In den Gängen ist es drückend schwül. Umso mehr achte ich vor jeder neuen Einstellung darauf, die Linse zu wischen.

Schließlich kommen wir am Ende des Stollens an. Hier präparieren zwei Arbeiter mit einem riesigen Bohrer die Wand für eine neue Sprengung. Ihre Stirnlampen liefern das einzige bisschen Licht hier unten. Ob eine 360°-Aufnahme in dieser Dunkelheit funktionieren kann? Ich platziere die Kamera in der Nähe der beiden Kumpel, aber nicht zu nah, um Erschütterungen durch den Bohrer zu vermeiden.

IntoVR-Cofounderin Susanne Dickel vor dem Eingang in die Mine
Etwas erleichtert bin ich schon, als ich aus der Mine wieder ins Tageslicht trete.

Zigaretten und Dynamit

Einerseits bedaure ich, dass ich nicht mit der lichtstärkeren ZCam S1 Pro drehen kann. Andererseits bin ich froh, nicht auf so wertvolles Equipment acht geben zu müssen. Umso mehr, als uns die beiden Männer die Dynamitstangen zeigen, die sie schon mal für die Sprengung herbeigeschafft haben. Mit der brennenden Fluppe im Mundwinkel zerpflücken sie das Material. In meinem Kopf formuliert sich schon die Schlagzeile: „Explosion in kosovarischer Mine – fünf Menschen werden vermisst, darunter eine Deutsche.“ Una erlöst mich aus der Situation: „Wir müssen uns langsam auf den Rückweg machen.“

Wochen später, als ich aus dem Kosovo zurück bin, lade ich die Videodateien in die Stitching-Software. Eigentlich habe ich wenig Hoffnung, dass das Material stitchbar ist, und ich bezweifle erst recht, dass überhaupt etwas zu erkennen ist. Doch das Stitching klappt und als ich das Material in der Brille betrachte, bin ich überrascht. Die Dunkelheit wirkt beklemmend und obwohl ich weiß, dass ich im IntoVR-Büro sitze, habe ich wieder das Gefühl, dass tausende Tonnen Gestein zwischen mir und der Oberfläche liegen. Wenn ich jetzt noch das Büro auf 40 °C aufgeheizt hätte, bei hoher Luftfeuchtigkeit, wäre die Illusion perfekt.

Im 360°-Video-O-Ton: Susanne Dickel über die Mine

„Wir“ gegen „die“

Am Ende ist es einer dieser Filme, an denen mein Herz hängt. Nicht nur wegen der herausfordernden Drehbedingungen, sondern auch weil mir die Situation der Menschen im Kosovo nahe geht. Petar Milosavljević zum Beispiel, der früher den Fußballverein Trepça in Mitrovica trainierte. Er erzählt: „Wir waren wie Brüder, die albanischen Spieler und wir. Wir haben uns geliebt.“ Heute traut er sich nicht zu den Spielen im schicken Adem-Jashari-Stadion. Denn das steht im albanischen Teil und er ist Serbe.

Petar Milosavljević in seinem Büro voller Pokale.
Petar Milosavljević, genannt Pero, ist eine Lokalgröße in Nord-Mitrovica.

Sowohl Petar Milosavljević als auch Fatus Begu geben den Politikern die Schuld daran, dass die Menschen nicht miteinander auskommen. Doch ich zweifle daran, dass die Vergangenheit wirklich so friedlich war, wie sie im Rückblick der beiden Männer erscheint. Una gibt sich alle Mühe, mir die komplizierten Verstrickungen zu erklären.

Wir schauen uns am Trainingsgelände des Trepça-Clubs um. Ein paar Kinder lungern vor dem Tor herum. Sie fragen: „Gehört ihr zu uns?“ Gemeint ist: Seid ihr Serben oder Albaner? Die Kinder sind vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Wie soll ein friedliches Zusammenleben möglich sein, wenn selbst Kinder die Welt in „wir“ und „die“ einteilen?

VR-Storytelling bei Blick

Den Film über den gespaltenen Kosovo präsentiert unser Kunde Ringier in der App BlickVR, die kostenlos im Play Store und Apple App Store heruntergeladen werden kann. Nutzer von Desktop-Computern können das Video aus Mitrovica auch auf der Webseite von Blick sehen.

IntoVR im Videoportrait

Das Medien-Startup IntoVR ist im April 2016 in Berlin gegründet, als GmbH eingetragen und unabhängig: Dank bislang rund 100 unterschiedlichen Projekten für Kunden arbeitet IntoVR profitabel und wächst aus eigener Kraft. Neben Konzeption, Dreh, Stitching und Schnitt von Filmen gibt das Team regelmäßig Workshops zu VR Storytelling.

In den Video-Statements: die IntoVR-Macher Susanne Dickel, Martin Heller, Angela Kea, Leon Krenz, Maria Menzel und Christiane Wittenbecher.