Zweites 360°-Video aus Rohingya-Flüchtlingscamp

Ein Volk, das niemand haben will, vertrieben ins größte Flüchtlingscamp der Welt. Nun droht den Rohingya eine erneute Katastrophe. Ein Interview mit Autorin Christiane Wittenbecher

 

 

Christiane, du warst in Bangladesch, eines von zwei 360°-Videos handelt von der medizinischen Situation im Camp der Rohingya. Wie geht es den Menschen dort?

Christiane Wittenbecher: Es ist eigentlich völlig unvorstellbar. Die Menschen, die ich getroffen habe, sind traumatisiert und haben wirklich grausame Dinge erlebt. Jeder, den man anspricht, berichtet von Folter, Mord und Vergewaltigung. Es ist krass, wie riesig die Ausmaße des Camps sind. Es ist so dicht besiedelt, ich glaube, es sind inzwischen 800.000 bis 1.000.000 Rohingya im dem Flüchtlingslager, die Zahlen variieren je nachdem, wen man fragt. Es ist so, dass das Camp zwar erstmal Sicherheit bedeutet, aber man merkt den Menschen an, dass sie nicht gut essen, dass sie gelitten haben, viele sind krank. Das Areal sandig, hügelig, im Grunde eine Großstadt mitten im Dschungel.

IntoVR-Reporterin Christiane Wittenbecher in Bangladesch
IntoVR-Reporterin Christiane Wittenbecher in Bangladesch

Warum eignet sich immersive Storytelling bei dieser Thematik?

Weil man die Lage der Rohingya besser versteht, wenn man selbst dort ist. Es gibt Aufnahmen, da steht man selbst auf einem Hügel und ist umrundet von selbstgebauten Zelten und unzähligen Menschen. Man schaut in alle Richtungen zum Horizont und sieht endlos Zelte. Und hinter dem Horizont ist das Camp noch lange nicht zu ende. Was es bedeutet, so zu leben, das vermittelt sich im 360°-Video viel stärker als im klassischen 16:9-Video. Besonders, wenn man es auf der VR-Brille sieht und dann direkt vor den Menschen steht, sie direkt mit einem sprechen und über ihre schlimmen Erlebnisse berichten, dann ist das Medium stark. Weil ich ihnen begegne, sie treffe, sie zu mir sprechen und ich sie in ihrem Alltag erlebe.

Wie haben die Menschen im Camp auf die Kamera reagiert, konntest du dokumentarisch arbeiten und selbst als Operator zurücktreten, damit du nicht mit im Bild bist?

Die Kamera hat gar nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie man vielleicht vermuten würde. Obwohl die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, wirklich viel mitgemacht haben und teilweise sichtbar traumatisiert waren, hatte ich das Gefühl, dass sie froh sind, ihre Geschichte erzählen zu können.

Kinder warten vor der Hope-Klinik im Flüchtlingscamp in Bangladesh.
Kinder warten vor der Hope-Klinik im Flüchtlingscamp in Bangladesh.

Als ich beispielsweise die junge Rohingya gefragt habe, ob sie die Wäsche auch vor der Kamera aufhängen würde, hat sie sofort verstanden, was ich meine. Ich konnte mich im toten Winkel verstecken, während sie vor der Kamera agiert hat. Aber als es darum ging, konkret von Erlebnissen zu erzählen, war das schon schwieriger. Zum einen, weil Traumatisierte ihre Geschichte oft nicht ohne weiteres in einem Stück erzählen können. Zum anderen, weil es gerade bei solchen Themen sehr hilfreich ist, wenn der Interviewer mit im Raum ist.

Du hast insgesamt zwei 360° Videos dort gedreht und produziert, was war die Szene, die Situation, die dich am meisten beeindruckt hat?

Das Interview, von dem ich eben gesprochen habe, hat mich sehr beeindruckt. Also diese junge Frau, die mir davon erzählt hat, wie ihr Mann brutal ermordet und ihre Freundinnen vergewaltigt wurden, wie manchen von ihnen die Brüste abgeschnitten wurden. Da musste ich ganz schön schlucken.

Aber auch die Dreharbeiten in der improvisierten Klinik am Rande des Camps. Dort habe ich US-amerikanische Helfer getroffen, Ärzte und Krankenschwestern, auch viele Helfer und Übersetzer aus Bangladesch. Dieses kleine Holzhaus mit seinen Praxisräumen, getrennt durch weiße Vorhänge, und einem kleinen Wartebereich. Die Krankenschwester Claire sagte zu mir, normalerweise würden die Rohingya im Camp Ärzte meiden. Viele von ihnen seien noch nie beim Arzt gewesen oder ihnen falle es schwer, zu benennen, woran genau sie litten. Das heißt, die Leute, die hier warten, denen geht es wirklich richtig schlecht. Sie sagte: „Ich habe hier gelernt, dass Menschen verdammt viel aushalten können.“

Krankenschwester Claire hilft den Rohingya in der Hope-Klinik.
Krankenschwester Claire hilft den Rohingya in der Hope-Klinik.

Wo ihr den Film sehen könnt

Den 360°-Film über die medizinische Situation der Rohingya präsentiert unser Kunde Ringier AG in der App BlickVR, die kostenlos im Play Store und Apple App Store heruntergeladen werden kann. Nutzer von Desktop-Computern können das Video auch auf der Webseite von Blick sehen.

Wer hinter dem Film steckt

Videojournalistin Christiane Wittenbecher ist unsere Expertin für 360°-Drehs in Krisenregionen. Sie war an der Front im vergessenen Krieg in der Ostukraine und mit Peschmerga-Kämpfern im Irak unterwegs. Mehr über sie erfahrt ihr hier. Außerdem hat Christiane einen weiteren Film aus dem Camp mitgebracht. Den Blogpost dazu findet ihr hier.

Das ist das Team IntoVR

IntoVR ist als Medien-Startup im April 2016 in Berlin gegründet, als GmbH eingetragen und unabhängig von Investoren: Dank bislang rund 100 unterschiedlichen Projekten für Kunden arbeitet IntoVR profitabel und wächst aus eigener Kraft. Neben Konzeption, Dreh, Stitching und Schnitt von Filmen geben wir regelmäßig Workshops zu VR Storytelling. Im Einsatz für Kunden waren wir unter anderem in Äthiopien, Brasilien oder im Kosovo. Mehr über das Team erfahrt ihr hier.

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