Premiere bei Berlinale: neuer Stasi VR-Film

Nach der preisgekrönten ersten Doku über das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen ist jetzt ein noch aufwändigerer 360°-Film entstanden, mit sieben Schauspielern. Der Zuschauer wird zum Häftling.

Es ist ein zynisches „Herzlich Willkommen!“, mit dem der User in der Haftanstalt Berlin-Hohenschönhausen empfangen wird. Hier beginnt die virtuelle Zeitreise in die DDR-Vergangenheit, in der unser Nutzer selbst in die Rolle eines Gefangenen schlüpft. Unmittelbar erfährt er, was es bedeutet, im berüchtigten Stasiknast auf Gefängniswärter, Vernehmer und Zellennachbarn zu treffen. Was es bedeutet, niemandem trauen zu können und ausgeliefert zu sein. Im 360°-Film von Michael Ginsburg, Martin Heller und Christiane Wittenbecher wird der Nutzer vom Beobachter zum Teilnehmer.

(Alle Schauspieler, hier Milton Welsch, agieren direkt zur 360°-Kamera, sprechen somit den Zuschauer direkt an. Foto: Martin Heller)

(Alle Schauspieler, hier Milton Welsch, agieren direkt zur 360°-Kamera, sprechen somit den Zuschauer direkt an. Foto: Martin Heller)

„Ausziehen. Auch das Höschen.“

Um diese Reise in die Geschichte des Stasi-Gefängnisses zu ermöglichen, haben wir mit dem Team der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im Vorfeld detailliert recherchiert. Ziel war es, ein intensives immersives Erlebnis zu schaffen, das die historischen Ereignisse auf emotionale Weise erlebbar macht. Wichtig war uns deshalb, ausschließlich authentische Requisiten zu verwenden. Sowohl die Ausstattung der Gefängniszellen als auch die Kleidung der Protagonisten sind Originale aus der DDR.

„Gesicht zur Wand!“

Das Drehbuch sollte vor allem zwei Ansprüchen genügen: Einerseits historisch genau sein und das widerspiegeln, was sich tatsächlich in Berlin-Hohenschönhausen abgespielt hat. Andererseits das Gefühl vermitteln, dass potentiell jeder in eine solche Situation geraten konnte. Der Nutzer sollte also nicht in die fremde Rolle eines konkreten Einzelfalls schlüpfen, sondern sich noch als seiner selbst bewusst sein. Gelöst haben wir das Dilemma, in dem wir zum einen eine historische Grundlage für das Drehbuch gewählt haben: Die „Vernehmungsprotokolle“ des Oppositionellen Jürgen Fuchs, der in den Siebzigern 281 Tage lang inhaftiert war und die Erinnerungen an seine Haft und Vernehmungen in einem Buch wiedergab.

(First-Person-View. Hier wird der Häftling, somit der Zuschauer fotografiert. Foto: Christiane Wittenbecher)

(First-Person-View. Hier wird der Häftling, und somit der VR-Nutzer, fotografiert. Foto: Christiane Wittenbecher)

Darüber hinaus war die Expertise der Gedenkstätte und der dort aktiven Zeitzeugen enorm hilfreich. Zum anderen haben wir im Skript konsequent darauf geachtet, möglichst keine konkreten Bezüge zu Einzelfällen, Jahreszahlen, Namen oder einem bestimmten Geschlecht einzuarbeiten, insbesondere bei den Textstellen, in denen die Schauspieler den Nutzer direkt ansprechen.

„Was wollten Sie in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik?“

Der Vernehmer zieht an seiner Zigarette und bläst den Rauch bedrohlich aus, bevor er unvermittelt in die Kamera brüllt. Während unserer 360°-Produktion verlangten wir den Schauspielern etwas ab, das sie bei üblichen Drehs in der Regel vermeiden: Sie sprechen direkt in eine Kameralinse. Sie müssen die Kamera behandeln, als sei sie ein Mensch aus Fleisch und Blut.

(Schauspieler Marlon Kittel spielt einen Zellennachbarn, der von der Stasi als Spion und zur Beeinflussung der Häftlinge eingesetzt wurde. Foto: Martin Heller)

(Schauspieler Marlon Kittel spielt einen Zellennachbarn, der von der Stasi als Spion und zur Beeinflussung der Häftlinge eingesetzt wurde. Foto: Martin Heller)

Eine weitere Herausforderung: Die Schauspieler müssen die Szenen von Anfang bis Ende durchspielen. Eine Unterbrechung, ein „Cut“ ist hier nicht möglich, da wir hier nicht die Möglichkeit eines Umschnitts haben. Die Szene muss von Anfang bis Ende ohne Schnitt perfekt funktionieren. Etwas, das die beteiligten Schauspieler Udo Schenk, Márton Nagy, Marlon Kittel, Oleg Tikhomirov, Milton Welsh, Dominik Hermanns, Henning Kober eindrucksvoll umsetzen konnten. Hierfür haben wir die Schauspieler in Vorgesprächen auf die Besonderheiten bei 360°-Videoproduktionen vorbereitet und zum besseren Verständnis auch Beispiele auf einer VR-Brille demonstriert.

(Schauspieler Henning Kober mit VR-Brille. Foto: Christiane Wittenbecher)

(Schauspieler Henning Kober mit VR-Brille. Foto: Christiane Wittenbecher)

„Sie meinen das ist eine Drohung? Natürlich, was denn sonst.“

Nachdem die Planung für Storyboard, Cast und Requisite abgeschlossen war, haben wir Testbilder in den Räumlichkeiten des Gefängnisses produziert und Stellproben arrangiert, um ungewollte Effekte beim Dreh zu vermeiden.

(Test-Stitching von Probeaufnahmen mit leistungsstarkem Notebook am Drehort. Foto: Martin Heller)

(Test-Stitching von Probeaufnahmen mit leistungsstarkem Notebook am Drehort. Foto: Martin Heller)

Dazu haben wir das Material vollständig bearbeitet, also sowohl gestitcht und geschnitten als auch auf einer VR-Brille auf Fehler geprüft. Erst dann haben wir die auf zwei Tage angesetzten Dreheinheiten detailliert durchgeplant.

(Schauspieler Henning Kober mit VR-Brille. Foto: Christiane Wittenbecher)

(IntoVR-Journalist Martin Heller bei Vorbereitungen in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Foto: Christiane Wittenbecher)

Beim Dreh haben wir durchgehend auf die Back-to-Back-Kamera (auf Gopro-Basis mit 250°-Entanyia-Linsen) gesetzt. In den teils engen Räumen konnten wir so einerseits den Parallax-Effekt begrenzen. Andererseits vereinfachte dies den Schauspielern, mit der Linse zu „interagieren“.

„Sind Sie taub? Machen Sie, was man Ihnen sagt.“

Da wir kein Licht setzen konnten, haben wir uns dazu entschieden, das Tageslicht so gut es geht auszuschöpfen. Für uns hieß das, Drehbeginn 6:00 Uhr, denn der Regelbetrieb in der Gedenkstätte lief weiter.

Ab dem Vormittag sind auf den Gängen dann Besuchergruppen unterwegs, die wir in unserer Planung berücksichtigen mussten, damit die Geräuschentwicklung nicht die Tonaufnahmen vereitelt. Wir mussten die Reihenfolge der Drehs also auch davon abhängig machen, wann welche Gruppen in welchem Teil des Gebäudes durchgeführt werden. Auch die Abnahme des Tons hat uns vor enorme Herausforderungen gestellt. Denn anders als bei journalistischen Interviews wollten wir hier ganz bewusst keine sichtbaren Mikrofone an der Kleidung der Protagonisten anbringen. Hier haben wir auf das Know-How und die Unterstützung von Toningenieur Konrad Kassing zurückgegriffen, der die Funkmikrofone unsichtbar unter der Kleidung und an den Kamerastativen verstecken konnte. Um den gesamten Raum im Ton zu erfassen, kamen mehrere Aufnahmegeräte gleichzeitig zum Einsatz.

(Tonmeister Konrad Kassing versteckt vor dem Aufnehmen jeder Szene mehrere Mikrofone. Foto: Christiane Wittenbecher)

(Tonmeister Konrad Kassing versteckt vor dem Aufnehmen jeder Szene mehrere Mikrofone. Foto: Christiane Wittenbecher)

„Ich geb dir noch drei Tage, dann müssen sie dich raustragen.“

Dem Kameramann über die Schulter schauen, um eine Szene bewerten, sie gegebenenfalls neu zu drehen, das ist bei 360°-Produktionen so gut wie unmöglich. Wie also Regie führen, wenn das Produktionsteam während der Szene nicht im Raum zu sehen sein darf? Hier haben wir uns mit der Gopro-App beholfen, die es ermöglicht, das Kamerabild auf dem iPad zu spiegeln. In der Regel ist eine der beiden Linsen auf das Geschehen gerichtet. Die entsprechende Kamera konnten wir also über das iPad beobachten. So war es dem Regisseur möglich, in eine Szene einzugreifen und Korrekturen vorzunehmen.

(Besprechung mit Schauspieler Marlon Kittel, links. Die Autoren Christiane Wittenbecher und Michael Ginsburg - mit iPad und Audio-Recorder zur Kontrolle des 360°-Video/Audio-Materials. Foto: Martin Heller)

(Besprechung mit Schauspieler Marlon Kittel, links. Die Autoren Christiane Wittenbecher und Michael Ginsburg – mit iPad und Audio-Recorder zur Kontrolle des 360°-Video/Audio-Materials. Foto: Martin Heller)

Das Ergebnis der Dreharbeiten ist am 13.02.2017 erstmals beim VR NOW CON Business Mixer im Rahmen der Berlinale zu sehen.

IntoVR ist ein preisgekröntes Berliner VR-Startup, das bereits mehr als 40 hochwertige 360°-Produktionen in 4K-Qualität umgesetzt hat. Das Team um die Gründer Susanne Dickel und Martin Heller konzentriert sich auf Storytelling in 360 Grad in Journalismus und Brand Stories im Auftrag von Unternehmen. Darüber hinaus bieten die Macher Workshops zu VR und 360°-Filmen an.
 

 

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