„Wir werden wachsen“ – Martin Heller im Interview

Es war ein Rundumschlag, der auch in die Tiefe ging, zu VR, 360°-Video und Projekten von Team IntoVR. 38 Minuten Podcast mit VRtualX-Gründer Matthias Wolk und Martin Heller. Die wesentlichen Aussagen des IntoVR-Machers (mit künstlicher Intelligenz transkribiert).

Zum 38 Minuten Audio-Interview im VirtualX-Podcast (Link zu VRtualX)

Martin Heller, IntoVR. Üver 360°-Video und VR im Podcast.
Martin Heller, IntoVR.

Über den Background Journalismus und 360°-Storytelling

„Wir haben bei 360°-Video und VR ziemlich schnell gemerkt, dass wir vieles von dem vergessen müssen, was wir vom Videojournalismus kennen. Un-Learning, also das Weglassen von Gewissheiten, die wir uns über Jahre im Video und TV-Journalismus angeeignet haben. Das ist auch nicht ganz leicht.

Und doch gibt es auch Dinge die uns helfen können, die als Reporter vor allem bei den Dreharbeiten helfen. Wenn zum Beispiel eine Kollegin in Krisengebieten im Irak oder in der Ukraine unterwegs ist, Menschen trifft. Dann ist die klassische Reporter-Aufgabe doch eine wesentliche – egal ob man Journalismus macht oder andere Geschichten erzählt.“

Über einen Vergleich vom klassisch produzierten TV/Video-Dokumentationen und 360°-Videos

„Ich weiß nicht, ob ich den Vergleich problematisch finde. Weil das ist so, als würde ich ein Telefonbuch mit einer Morning Show im Radio vergleichen.

Da ich behaupte, dass das, was wir hier machen, ein neues Medium ist – und wir hier ein altes Medium mit dem neuen Medium vergleichen.

Das wird natürlich gerne gemacht, weil wir auch mit Video, mit Film arbeiten, und viele Leute 360°-Videos insofern konsumieren, dass sie das Handy in alle Richtungen halten, mit dem Finger drauf wischen, mit der Maus am Desktop ein bisschen nach rechts und links gucken, nach oben und unten und glauben, dann das Medium verstanden zu haben.

Es geht aus meiner Sicht – und das ist die revolutionäre neue Form – um Virtual-Reality-Brillen, um das Eintauchen in andere Welten, das ich eben jemandem, indem ich ihm eine VR-Brille aufsetze, an andere Orte teleportieren und damit Geschichten ganz anders erzählen kann.

Bei guten 360°-Videos auf VR-Brillen werde ich selbst einen Ort des Geschehens transportiert. Ich bin vor Ort. Ich erlebe ich erfahre etwas und das ist eine ganz spannende, eine ganz starke Form von Lernen, von Wahrnehmen. von Informationen, eine emotionale Form. Deswegen ist es auch für Unternehmen interessant, ihre Geschichten in diesem Medium zu erzählen aber eben auch für Journalisten.

Das heißt in dem Moment wo ich eine VR-Brille aufsetze, ist es für mich ein neues Medium. Und damit ist es schwer zu vergleichen. Wir sagen keineswegs, dass wir Webvideos oder das Kino oder TV angreifen oder ablösen wollen, auch nicht irgendwann in ferner Zukunft. Da glaube ich nicht dran. Es ist ein neues Medium, das im Medien-Mix eine Bereicherung darstellt und für ganz speziell ausgewählte Themen sich wirklich unglaublich gut anbietet. Für viele andere Themen aber auch gar nicht.“

Über den Umgang mit Wissensdefiziten beim neuen Medium

„Um zum Beispiel im Austausch mit Kunden Missverständnisse zu vermeiden, ist es uns so wichtig, sich relativ schnell mit möglichen Auftraggebern auch zu treffen. Wir haben die komfortable Lage, dass wir schon mehr als einhundert 360°-Videos produziert haben in verschiedensten Themen-Gebieten.

Und so können wir fast bei jedem auch was aus dem Hut zaubern, was in seinem Bereich vielleicht ungefähr passt. Neulich hatten wir jemanden, die sagte, dass sie etwas mit einem Pferd machen wolle. Zufällig hatten wir schon mal was mit Pferden gemacht – und konnten Pferde aus dem Hut zaubern.

Aber trotzdem: Jede Experience ist individuell zu besprechen, zu planen. Man muss herausarbeiten wo ist die besondere Stärke des Mediums VR im Zusammenhang vmit dem Kommunikationsziel. Und wo kommt das dann bestmöglich zusammen, wie kommt es zu Geltung. Und da hilft das natürlich immer, nicht nur links von YouTube, Vimeo, Veer VR oder was auch immer zu schicken, sondern sich zu treffen und auf VR-Brillen gemeinsam Beispiele anzuschauen, Formen des Storytelling zu erörtern und dann zu überlegen, was für den jeweiligen Kunden das Beste ist.“

Über den Zeithorizont bei Produktionen, Effizienz und Preise/Kosten

„Wir hatten schon Projekte, wo wir einen Kundentermin hatten, und eine Woche später haben wir begonnen zu drehen. Das hängt auch mit dem Vertrauen zusammen, das der Kunde in uns hat. Wenn ein Auftraggeber sagt „Das ist meine Geschichte. Das sind meine Möglichkeiten, die ich mir vorstellen kann an Protagonisten, an Räumlichkeiten, an Orten“. Und wir bauen ein Storyboard, sprechen es kurz durch, beginnen mit der Produktion, läuft.

Wir wollen jedes Projekt ja auch nicht unglaublich teuer machen und schon vor dem eigentlichen Drehbeginn viel Aufwand verursachen. Aber was nötig ist, das ist immer eine gemeinsame Vorstellung: Wohin soll der Zuschauer mit der VR-Brille teleportiert werden? Was sind die spannenden Orte und was soll der Zuschauer dort erleben, wem könnte er begegnen? Diese Fragen müssen wir gemeinsam klären.

Die genaue Ausgestaltung, die ganz genaue Schrittfolge, das müssen wir noch nicht unbedingt im Detail mit dem Kunden durchdeklinieren. Wir haben das schon gemacht. Jemand, der sicher sein will, jedes einzelne Bild vorab besprochen zu haben, der kann das natürlich auch bekommen.

Aber gerne arbeiten wir auch auf Vertrauensbasis, schauen uns bei einer Vorbesichtigung vor Ort eventuell noch mal etwas an. Wir versuchen relativ zügig zum Drehen zu kommen und auch den Dreh und die Postproduktion möglichst effizient zu halten, weil wir halt sagen: Es muss möglich sein, eine Produktion auch für unter 20.000 Euro oder auch für unter 10.000 Euro zu machen. Auch für Unternehmen. Und es muss möglich sein, für den Journalismus sogar noch weit günstiger zu produzieren. Denn da ist einfach nicht so viel an Budget.

Wir wollen mit 360°- Videos Unternehmen gerade auch Medienunternehmen den Weg bereiten dahin, Verständnis zu entwickeln für das neue Medium, erste eigene Projekte zu machen. Wir sind auch ganz viel aktiv im Bereich Workshops. Es herrscht ein großer Beratungsbedarf oder auch ein Bedarf zu lernen. Wir sind auch nicht so eitel und sagen, jeder 360°-Film soll bei uns von vorne bis hinten beauftragt werden. Wir können auch als Geburtshelfer in Redaktionen oder in Unternehmen gehen und sagen: Wir zeigen euch, wie es geht.“

Über die Zukunft der VR-Branche – und von IntoVR

 „Ich glaube der Markt wächst weiter, das Interesse wächst langsam, derzeit nicht gerade exponentiell. Wir werden wachsen. Wir sind jetzt schon dabei, neue Leute zu suchen. Wir sind am Expandieren, haben neue Kameratechnik gekauft, werden auch im Bereich Schnittplätze weiter investieren. Noch können wir uns hier ein bisschen ausbreiten aber wir wachsen eben gesund und aus eigener Kraft. Wir haben keinen großen Investor im Rücken. Wir haben weder ein Medienhaus noch irgendwelche öffentlichen Gelder im Rücken. Das heißt wir werden weiter aus uns selbst heraus wachsen. Das ist in den letzten zwei Jahren sehr gut gelungen und wir hoffen dass es uns auch weiter gelingt, das Jahr 2018 sieht gut aus – aber viel weiter in die Zukunft gucken, ist schwer. Wenn ich jetzt für unser Startup IntoVR spreche: Es hängt alles am Team. Wer sind die Leute, die die Storys produzieren. Es geht hier nicht um ein technisches Wissen, um Codes, um Algorithmen, um irgendwas, das man mal programmiert hat und skalieren kann. Sondern es geht in unserem Geschäft ganz stark um die Storyteller, um diejenigen, die die Geschichten erzählen, die mit unseren Kunden ausarbeiten, wie wir Geschichten erzählen, und die das Ganze umsetzen, von der ersten Konzeption bis hin zur Postproduktion.

Und dementsprechend kann unser Unternehmen auch nur so schnell wachsen, wie wir wirklich überzeugt sind, dass weiter wir gute Leute finden. Wir wollen weiterhin gewohnt gute Qualität anbieten. Ab und zu vielleicht wieder mal einen Preis gewinnen, wieder herausragende Produktionen machen. Ich hoffe dass wir weiterhin trotz aller Geschäftstätigkeit die Möglichkeit haben, auch ein bisschen weiter auszuprobieren, was möglich ist mit dem Medium, und die Freiheit versuchen wir uns immer zu nehmen. Trotz allem Produktionsstraße trotz aller Anfragen und Aufträge auch immer wieder zu gucken, wohin die Reise gehen kann, wie können wir das Ganze noch mehr ausreizen, was mit dieser spannenden neuen Technologie möglich ist. Ich jedenfalls finde es wunderbar, in welche tollen spannenden Zeiten wir uns befinden und Teil des Ganzen sein dürfen.“

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