„Dein eigenes Ding machen? Kannste knicken im Bergwerk.“

Für das WDR-Projekt „Glück Auf“ hat IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher im 360°-Video im Bergwerk Prosper-Haniel gedreht. Im Interview verrät sie, was das VR-Projekt so besonders macht.

IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher
IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher nach dem Dreh unter Tage

Zum 360°-Videoteaser „Der letzte Bergmann“ für WDR-Projekt „Glückauf“ im Bergwerk Prosper Haniel (Link Youtube)

IntoVR: Christiane, Du bist weltweit viel als Reporterin unterwegs, auch in Krisengebieten, erlebst dabei ja ständig neue Herausforderungen. Was war die größte bei diesem Projekt in Bottrop?

Christiane: Als VJ dein eigenes Ding machen? Kannste knicken im Bergwerk. „Unter Tage ist man immer ein Wir“, hab ich gelernt. Eigentlich bin ich es ja gewohnt, allein und autark zu arbeiten. Die RAG, die das Bergwerk Prosper-Haniel betreibt, musste aber strenge Sicherheitsauflagen erfüllen, damit nicht ein kleiner Funkenschlag unter Tage jemanden das Leben kostet. Deshalb haben mich und Bergmann Andy nicht nur zwei sehr nette Kollegen der RAG-Pressestelle begleitet, sondern auch zwei Kumpel von der Grubenwehr, der Bergwerksfeuerwehr, und ein Ingenieur, der permanent die Gase im Bergwerk gemessen hat. In über eintausend Metern Tiefe ist nämlich alles anders: Druck, Gase, Temperaturen, Licht. Deshalb haben wir unsere ZCam S1 Pro auch vor dem Dreh intensiv unter Tage getestet.

Die Crew des Bergwerks Prosper-Haniel und IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher
Die Crew des Bergwerks Prosper-Haniel begleitet IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher beim Dreh unter Tage

IntoVR: Ok, krasser Einsatz für die Kamera. Und wie war´s für Dich?

Also die starke Hitze unter Tage setzt einem schon zu unter der Bergwerksmontur, die mit Grubenlampe, Akku und Messgeräten ziemlich viel auf die Waage bringt. Da vermischt sich der Schweiß dann schön mit dem Kohlestaub auf dem Gesicht. Aber das Beste am Dreh waren eigentlich die Kumpels, die mich begleitet haben.

Hintergrund: Mehr zum 360°-Video im Bergwerk bei IntoVR.de

IntoVR: Und inhaltlich, welche Rolle spielt das 360°-Video in dem Gesamtprojekt, das ja auch interaktive Teile und beispielsweise Photogrammetrie umfasst. Also was bringt das 360 Video besonders gut rüber?

Christiane: Die Form 360°-Video eignet sich besonders für emotionale Geschichten. Warum? Weil wir dem Protagonisten sehr nahe kommen. Vor allem, wenn er wie Andy direkt in die Kamera spricht. Mit ihm kann der Zuschauer das Bergwerk regelrecht erleben. Zum Beispiel erfahren wir schon in der Kaue, in der sich Andy umzieht, viel darüber, was es für ihn bedeutet, Bergmann zu sein oder darüber, warum es ihn so traurig macht, wenn er an das Ende dieser Ära denkt. Allein schon die Fahrt hinab im Förderkorb schwört den Zuschauer richtig ein aufs Bergwerk. Im 360°-Video geht es nicht nur darum, eine faszinierende Welt kennenzulernen, sondern auch einen Menschen, dem diese Welt sehr viel bedeutet.

IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher und Bergmann Andreas Schreiter
IntoVR-Autorin Christiane Wittenbecher und Bergmann Andreas Schreiter auf Prosper-Haniel kurz vorm Dreh

IntoVR: Für welche erzählerische Form hast du dich entschieden?

Christiane: Ich hab mich für ein O-Ton-Porträt entschieden, also ein Porträt ohne Sprechertext. Atmosphäre spielt hier eine große Rolle. Zum Beispiel gibt es diese Szene, in der die „Dieselkatze“, eine Art Bergwerksschwebebahn, um die Kurve fährt. Das ist ein riesiger, eiserner Koloss, der aussieht, wie aus einem 80er-Jahre-Freizeitpark entnommen. Diese Szene steht ganz frei, damit sie auf den Zuschauer wirken kann. Im 360°-Video muss nicht immer alles erklärt oder zugetextet werden. Die Szene lebt allein von der Gewalt des Bildes, der Telepräsenz und den atmosphärischen Geräuschen.

IntoVR: Aber es gibt schon mehr als nur Geräusche, oder?

Na klar, vor allem lebt das 360°-Video-Portrait ja von der Stimme und den Erzählungen des Protagonisten. Ich wollte, dass wir dem Menschen so nahe wie möglich kommen. Ohne distanzierten Sprecher oder Texteinblendungen. Dafür habe ich Andy vor dem Dreh ohne Kamera interviewt. So konnte ich ihm etwas von seiner Nervosität nehmen und mit ihm ins Plaudern kommen. Nach einer Stunde Gespräch hatte ich sehr viele berührende Statements von Andy und konnte mich beim Dreh unter Tage auf die O-Töne konzentrieren, die im Bild zu sehen sein sollten. Für jemanden, der sonst nie vor der Kamera steht, war das aber natürlich nicht so einfach. Zumal Protagonisten beim 360°-Dreh ja meist allein vor der Kamera stehen, ohne einen Journalisten gegenüber, der Fragen stellt. Aber mit Zeit und Einfühlungsvermögen hat es am Ende geklappt. Mich hat Andy jedenfalls berührt.

Das 360°-Porträt entstand im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks und ist Teil eines aufwändig produzierten Virtual-Reality- und 360°-Projektes, das nicht nur 360°-Video und -Fotografie umfasst, sondern auch Photogrammetrie und interaktive Elemente. Das WDR-Projekt „Glück Auf“ finden Sie hier: http://glueckauf.wdr.de/

Mehr über das Medien-Startup IntoVR im Video. Neben Konzeption, Dreh, Stitching und Schnitt von Filmen gibt das Team regelmäßig Workshops zu VR-Storytelling.

In den Video-Statements: die IntoVR-Macher Susanne Dickel, Martin Heller, Angela Kea, Maria Menzel und Christiane Wittenbecher.